Zentrum für Humangenetik und Laboratoriumsmedizin, Dr. Klein, Dr. Rost und Kollegen

Kombinierte T- und B-Zellimmundefekte

Dr. rer. nat. Barbara Bangol, Dr. med. Kaimo Hirv

Wissenschaftlicher Hintergrund

Kombinierte Immundefekte (CID), einschließlich der schweren kombinierten Immundefekte (SCID), sind eine heterogene Gruppe genetischer Erkrankungen, die durch einen Mangel und/oder eine Fehlfunktion der T-Zellen charakterisiert sind. Bei den SCID unterscheidet man Erkrankungen mit zusätzlich erniedrigter Anzahl zirkulierender B-Zellen (T-B-SCID, bei etwa 35% der SCID-Patienten) von SCID-Formen, bei denen B-Zellen vorhanden sind, wobei die B-Zell-Funktion – selbst bei normaler Entwicklung dieser Zellen – aufgrund der fehlenden T-Zell-Hilfe für die Antikörperantwort immer beeinträchtigt ist (T-B+SCID, bei etwa 65% der SCID-Patienten). Zudem kann die Anzahl der NK-Zellen vermindert sein. Während beim CID Restfunktionen der Abwehr erhalten bleiben und CID-Patienten verhältnismäßig gesund sein können, verläuft ein SCID ohne Blutstammzelltransplantation vor dem zweiten Lebensjahr letal. Klinische Manifestationen eines SCID treten in der Regel innerhalb der ersten 6 Lebensmonate auf. Es sind meist protrahiert verlaufende Infektionen des Magen-Darm-Trakts und der Atemwege, schwere Varizellen, komplizierte Infektionen mit EBV, CMV oder Adenovirus oder ein hartnäckiger Soorbefall. In manchen Fällen kann die Persistenz maternaler T-Zellen, die bei SCID-Patienten nicht abgestoßen werden und proliferieren können, zu Symptomen einer Graft-versus-Host-Erkrankung (GvHD) führen.

Bei der SCID-Erkrankung sind im wesentlichen Gene betroffen, deren Produkte an der Reifung von Lymphozyten beteiligt sind. Hierzu gehören Zytokin-Rezeptoren, und deren Signal-transduzierende Moleküle, die für die frühe Differenzierung und Reifung von Lymphozyten essentiell sind, sowie Proteine, die für die Ausbildung und Funktion von B- und/oder T-Zell-Rezeptoren notwendig sind. Die häufigste SCID-Form wird durch Mutationen im IL2RG-Gen auf dem X-Chromosom verursacht und macht etwa 80% der SCID-Fälle bei männlichen Patienten aus. Weitere häufiger betroffene Gene (autosomal-rezessiv) sind RAG1/RAG2, DCLRE1C (Artemis), ADA und JAK3 (insgesamt bis zu 40% aller SCID-Fälle). Hypomorphe Mutationen in SCID-typischen Genen, die noch eine Restfunktion des betroffenen Proteins zulassen, können zu atypischem SCID führen, bei dem der klinische Phänotyp bisher nicht eindeutig definiert ist. Der Krankheitsverlauf ist nicht so schwer wie bei einem typischen SCID und die Diagnose sollte auch bei älteren Kindern und selbst bei erwachsenen Patienten berücksichtigt werden.  Hypomorphe Mutationen in einigen SCID-assoziierten Genen können zum Omenn-Syndrom (OS) führen, einer entzündlichen Erkrankung ähnlich einer GvHD.

Neben typischen SCID-Symptomen zeigen OS-Patienten zusätzlich entzündliche Symptome wie Lymphadenopathie, Hepatosplenomegalie, generalisierte Erythrodermie und Alopezie. Der Einsatz von NGS zur simultanen Analyse CID/SCID-relevanter Gene (Gen-Panel Diagnostik) kann hilfreich sein, um eine frühzeitige genetische Diagnose stellen zu können.

Literatur

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