Zentrum für Humangenetik und Laboratoriumsmedizin, Dr. Klein, Dr. Rost und Kollegen

Neutropenien, kongenitale

Dr. rer. nat. Barbara Bangol, Dr. med. Kaimo Hirv

Wissenschaftlicher Hintergrund

Die schweren kongenitalen Neutropenien (SCN) sind eine heterogene Gruppe von Erkrankungen der Myelopoese und charakterisiert durch absolute Neutrophilenzahlen <200/µl Blut, bei normaler Anzahl der Lymphozyten. Im Knochenmark besteht ein isolierter Block in der Ausreifung der myeloischen Reihe auf der Stufe der Promyelozyten. Bei Patienten mit einer SCN fällt als erstes ein verzögerter Abfall der Nabelschnur auf, ebenso treten rezidivierende Fieberepisoden auf und bakterielle Infekte, vor allem der Ohren (Mittelohrentzündung), Lunge (Lungenentzündung), Haut (Hautabszesse) und Schleimhäute (Zahnfleischentzündungen, Aphthen). Charakteristisch ist, dass sich meist keine oder wenig Eiterbildung zeigt. 10-30% der Patienten mit schwerer kongenitaler Neutropenie entwickeln im Laufe ihres Lebens ein MDS oder eine AML. Neutropenie ist zudem ein häufiges Merkmal verschiedener genetischer Syndrome, die mit extra- hämatopoetischen Manifestationen assoziiert sind, wie dem Barth-Syndrom, dem Cohen-Syndrom, der Glykogenose durch Glukose-6-Phosphatase-Mangel Typ b, dem Hermansky-Pudlak-Syndrom Typ 2, der Poikilodermie mit Neutropenie oder dem Shwachman-Diamond-Syndrom. Häufigste genetische Ursache einer kongenitalen Neutropenie sind Mutationen im ELANE-Gen. Sie werden bei etwa 40-55% der Patienten mit permanent schwerer Neutropenie oder zyklischer Neutropenie gefunden. In selteneren Fällen liegen Mutationen in anderen SCN-assoziierten Genen vor. In bis zu 40% der SCN-Fälle ist die genetische Ursache weiterhin unbekannt.

Literatur

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