Zentrum für Humangenetik und Laboratoriumsmedizin, Dr. Klein, Dr. Rost und Kollegen

Immundefekterkrankungen

Laut Hochrechnungen leben in Europa ca. 1,5 Mio. Menschen mit einem angeborenen, primären Immundefekt (PID; siehe auch www.dsai.de). Die Betroffenen leiden trotz der Möglichkeiten der modernen Antibiotikatherapie unter häufigen, schwer beherrschbaren Infektionen. Allein in Deutschland geht man derzeit von über 100.000 Betroffenen aus, aber nur etwa 2000 Patienten wurden bislang einer Diagnose zugeführt. Im europäischen Vergleich nimmt  Deutschland bei der Aufklärungsrate von PID daher nur den vorletzten Platz ein, wobei eine frühzeitige Diagnose eine wichtige Grundvoraussetzung wäre, um Prognose und Lebensqualität der Patienten entscheidend zu verbessern. Mittlerweile stehen neue Diagnostikverfahren (u.a. genetische Untersuchungen) sowie verbesserte Therapieformen (z.B. regelmäßige Gabe von Antikörperzubereitungen, Enzymersatztherapie, moderne Antibiotika bzw. Antimykotika bis hin zur Transplantation von Stammzellen aus Knochenmark oder peripherem Blut bzw. gentherapeutische Ansätze) zur Verfügung.

Unter Immundefekt (Synonym:Immundefizienz) versteht man den Oberbegriff für verschiedene Erkrankungen des Immunsystems, die durch eine vorübergehende oder auch irreversible Störung der Abwehrfunktion gekennzeichnet sind. Von einem angeborenen oder primären Immundefekt spricht man, wenn die Immunschwäche - z.B. aufgrund einer genetischen Variante oder Mutation -  angeboren ist, familiär gehäuft auftritt und/oder vererbt werden kann. Ein sekundärer Immundefekt ist dagegen eine erworbene Störung des Immunsystems, bekanntestes Beispiel hierfür ist AIDS (acquired immune deficiency syndrome).

In den letzten Jahren haben Fortschritte in den Techniken der Molekulargenetik und Immunologie zur Identifizierung einer wachsenden Zahl an PID verursachenden Genen geführt. Inzwischen kennt man mehr als 150 verschiedene primäre Immundefekte, die nach der International Union of Immunological Societies (IUIS) in 8 Klassen unterteilt werden (siehe Abbildung):

  1. Immundefekte, bei denen der Antikörpermangel im Vordergrund steht 
    (z. B. Agammaglobulinämie, Common Variable Immundeficiency [CVID])
  2. T- und B-Zelldefekte (z. B. Severe Combined Immunodeficiency [SCID])
  3. Andere gut definierte Immundefekt-Syndrome (z. B. Wiskott-Aldrich-Syndrom)
  4. Störungen der Immunregulation (z. B. X-gebundenes lymphoproliferatives SyndromAPECED-Syndrom)
  5. Defekte der Phagozytenzahl und -funktion (z. B. Schwere angeborene Neutropenien)
  6. Defekte der natürlichen Immunität (z. B. Chronisch mukokutane Candidiasis)
  7. Komplementdefekte
  8. Autoinflammatorische Erkrankungen; präsentieren sich klinisch jedoch nicht unter dem Leitsymptom der vermehrten Infektanfälligkeit (z. B. periodische Fiebersyndrome)

 

 

Häufigkeiten der Immundefektklassen (anhand des ESID-Registers)

Labordiagnostisch werden zunächst eine Vielzahl von Suchtests inklusive hämatologischer und zytometrischer Untersuchungen am Blut durchgeführt. Bei den meisten der angeborenen Immundefekte wurden inzwischen sowohl die chromosomale Lokalisation als auch die verantwortlichen Gene charakterisiert (z. B. IL-2Rγ-Kette in Position Xq13.1) und sind damit der direkten Diagnostik zugänglich. Einige Störungen rufen eine reduzierte oder gesteigerte Expression des Genprodukts (z. B. CD45) hervor, welche mit Hilfe von Immunoassays und/oder durchflußzytometrischen Methoden analysiert werden können. Insgesamt stehen heutzutage vielfältige diagnostische Möglichkeiten sowohl auf DNA-, als auch auf RNA- und Proteinebene zur Verfügung, so dass in der Mehrzahl der Fälle die exakte Diagnose eines Immundefekts gestellt werden kann.